Janosch – oder einmal Ungarn und zurück

Bericht von Wolfgang Stephanow - Initiator der Interessengemeinschaft Grenzenlos -

Tierrettungsaktion im Januar 2004

Erster Tag:

Es schneit leicht als ich losfahre um 1.30 Uhr morgens – die Reise geht los. Gestern hatte ich alles im Wagen verstaut, ungefähr 600 kg Trockenfutter, Medikamente, Spritzen und warme Decken. Alles Spenden vom Tierheim Olpe. Ich hoffe, an der Grenze keine Schwierigkeiten zu bekommen, da ich für das Futter, solange Ungarn nicht in der EU ist, keine Einfuhrgenehmigung bekomme. Als ich in Meinerzhagen in Richtung Frankfurt auf die Autobahn fahre, bin ich in Gedanken schon im Tierheim Székesfehérvár-Ungarn. Nach dem Anruf von Gyöngyi, der Tierheimleiterin, vor drei Tagen, mit der Nachricht, dass das Futter ausgehe und bittere Kälte herrsche, habe ich mich zu dieser Sonderfahrt entschlossen.

Abfahrt Olpe Süd, am Tierheim Olpe steigt mein Freund und Beifahrer, Andreas Stellbrink zu. Er ist zum ersten Mal dabei und hat natürlich viele Fragen. Schnell vergeht die Zeit da wir eine angeregte Unterhaltung über das führen was ihn erwartet. 1240 km – viel Zeit zum Nachdenken, was man alles machen könnte, um die Zustände im dortigen Tierheim einigermaßen erträglich zu gestalten. Meine Gedanken sind bei den Kettenhunden. Wie werden Sie mit der Kälte fertig?  Leider haben wir keine Möglichkeit, die 1800 Hunde, die im Jahr im Tierheim auflaufen, alle in Hundehäusern unterzubringen. So muß ein großer Teil der Hunde draußen an der Kette liegen, im Winter bei 20° minus und mehr. Es fehlen wetterfest Hütten, Unterkünfte und warme Decken.

12.30 Uhr mittags: Grenzübergang Hegyeshalom-Ungarn, dass Zittern beginnt. Glück gehabt, der Zöllner ist in ein Gespräch mit einer hübschen Kollegin vertieft und winkt uns ohne zu kontrollieren durch. Bei der Fahrt über Land sehen wir in vielen Hinterhöfen Hunde an der Kette liegen. In einem Land, in dem wirtschaftliche Not herrscht, ist für die Tiere meist nichts mehr übrig. Sie liegen an der Kette, wenn sie Glück haben, haben sie eine Hütte oder eine alte Regentonne zum Schutz gegen die Witterung. Aber meist fehlt auch dies. 14.30 Uhr, wir kommen im Tierheim an. Alles ist düster und grau, Schwaden aus Qualm von den vielen Holzöfen der Häuser ziehen durch die Luft. Tünde, eine der Tierpflegerinnen, begrüßt uns und öffnet das Tor. Lautes Hundegebell empfängt uns. Beim Einfahren werfe ich einen kurzen Blick in Richtung der Kettenhunde. Wer ist noch da von den schwachen und kranken Hunden und wie ist der Zustand? Nach kurzem Gespräch und dem Ausladen der mitgebrachten Sachen, verschaffe ich mir erst mal einen Überblick über die Situation. 240 Hunde und 60 Katzen sind im Moment im Tierheim Székesfehérvár. Gut, das wir gefahren sind. Seit zwei Tagen haben nur noch die alten und schwachen Hunde etwas zu fressen bekommen. Die Futtervorräte waren aufgebraucht und es gab kein Geld für den Kauf von neuem. Die versprochene finanzielle Hilfe der Stadt ist bisher ausgeblieben. Der tägliche Kampf ums Überleben ist hier real. Ich gehe an den Hundehäusern entlang und werde trotz der grimmigen Kälte von vielen Hunden freudig begrüßt. Andreas und ich haben so manches Leckerchen in der Tasche die wir großzügig verteilen. In der Futterkücke, einem unbeheiztem Raum, in einem der abbruchreifen Lagerhäuser, füllt man schon das mitgebracht Futter in Näpfe. Es wird gestreckt mit heißem Wasser und Knochenbrühe. An den Gesichtern der Mitarbeiter sehe ich, dass auch ihnen die Kälte schwer zu schaffen macht. Wann immer möglich, bringe ich auch ihnen warme Sachen mit. Die wirtschaftliche Not ist in dieser Region besonders schlimm. Ein Tierheimarbeiter verdient hier umgerechnet 200 € im Monat. Das reicht gerade mal für die Miete und das Essen. Für ein paar warme Winterstiefel ist da kein Geld übrig. So wie bei Joschi, unserem Tierpfleger, der immer gut gelaunt im Sommer wie im Winter mit ausgefransten, löcherigen Turnschuhen rumläuft. Auch heute, wo Schnee liegt. Es ist Abend, ich bin wie immer viel herumgelaufen und habe in viele Hundeaugen geschaut. Es waren ängstliche, kranke, fragende, liebe und verzweifelte Augen dabei. Auch Augen von Tieren die sich aufgeben haben. Doch bei allen habe ich die Bitte gesehen: Hilf uns! Die Lage ist katastrophal. Das Tierheim ist wie immer übervoll und die Quarantäne platzt aus allen Nähten. Für viele dieser Tiere ist der Winter ein Todesurteil, denn immer wenn neue Tiere eintreffen, müssen andere den geschützten Platz der Quarantäne verlassen und kommen entweder an die Kette oder in die Hundehäuser wo sie ungeschützt der Witterung ausgesetzt sind. Die finanzielle Situation bewegt sich stets am Abgrund, da das Tierheim nur in geringem Maß staatlich unterstützt wird und diese Unterstützung nicht einmal für das Futter reicht. Kranke Tiere können nur vor Ort von den Mitarbeitern selbst versorgt werden, weil für einen Tierarzt kein Geld da ist. Hunde, die eine Operation benötigen, müssen getötet werden. 20.00 Uhr, müde und erschöpft verlassen Andreas und ich das Tierheim und fahren in eine nahe gelegene Pension zum übernachten.

Zweiter Tag: 

Ehemalige TÖTUNGSSTATION BAYA

Nach dem Frühstück brechen wir auf nach Baja, einer Stadt mit 30.000 Einwohnern in der Nähe der ehemaligen jugoslawischen Grenze. Dort in Baja wollen wir Hunde aus der staatlichen Tötungsanstalt befreien. Nach 160 Kilometern über Land erreichen wir die Stadt. Bei unserer Abfahrt in Székesfehérvár hatten wir uns für heute um 10.00  Uhr bei Herrn Dr. Sulyok, einem dort praktizierenden Tierarzt und Tierschützer angemeldet, um mit ihm zusammen in die Tötungsstation zu fahren. Tötungsstationen gibt es in Ungarn viele, hier werden mit staatlicher Zustimmung streunende und herrenlose Tiere kaserniert, Fundtiere werden nach ungarischem Gesetz 10 Tage aufbewahrt und sollte sich ihr Besitzer nicht melden danach getötet. Ebenso die zahlreichen Abgabetiere, an denen der Besitzer wegen Alter oder Krankheit kein Interesse mehr hat. Zusammen mit Dr. Sulyok fahren wir zur außerhalb der Stadt gelegenen Anlage. Ringsherum eine große Mauer, die vor neugierigen Blicken schützen soll. Innen sechs Zwinger notdürftig aus rostigen Baustahlmatten zusammengeschweißt, 2,50 x 2,50 Meter und 80 cm hoch sind die einzelnen Zwinger. 14 Hunde sind dort momentan untergebracht, 2 Rottweiler, 1 Schäferhund, mehrere Dackel und der Rest kleine lustige Mischlinge. Diese Tiere waren zum Töten bestimmt, weil niemand auf der Welt sie mehr haben wollte. Wir lassen sie von Dr. Sulyok untersuchen und impfen und verladen sie in unser Auto, um sie nach Székesfehérvár ins Tierheim mitzunehmen. Die Tiere sind nervös und aufgeregt, lassen sich aber anfassen und behandeln. Ich habe das Gefühl, dass sie ahnen, dass wir ihnen nichts Böses wollen sondern ihnen helfen. Nach sieben Stunden und 320 Kilometern sind wir wieder im Tierheim. Bei unserem Eintreffen kommt uns Gyöngyi entgegen. Sie stöhnt als sie von den vielen Hunden hört. Aber nur kurz, dann sagt sie:“ Egal wohin, alles besser als in Baja.“ Gyöngyi, die gestern nicht da war, weil sie eine Fortbildung besuchte, informiert uns über die Neuigkeiten im Tierheim und der Stadt Székesfehévár in Sachen Tierschutz. Manchmal denke ich, sie schämt sich wegen der Zustände in Ungarn. Besonders, wenn sie unseren Erzählungen lauscht, über die gute Unterbringung der Tiere in den deutschen Tierheimen. Denn in Ungarn selbst ist die Einstellung vieler Leute zum Tierschutz noch nicht gewachsen. Jedes Schaf, jede Kuh oder jedes Reitpferd bedeutet vielen Menschen mehr als ein Hund oder eine Katze. Wieder ist es abend, wir besprechen noch schnell welche Hunde wir am nächsten Tag mitnehmen werden, dann fahren wir zum Übernachten in unsere Pension.

Dritter Tag:

Um 7.30 Uhr sind wir wieder im Tierheim und verladen die ausgesuchten Hunde. Da sind Vöröszi, Betyar, Vivi, Morgo, Luna, Mambo, Viktor und Sissi. 8 Hunde, die nicht mehr vom Verhungern oder Erfrieren bedroht sind, sondern bald ein schönes Zuhause in Deutschland bekommen werden. Beim Verladen der Tiere fragt Andreas nach einem halbverhungerten Labrador Retrievermischling, den er gestern in einem der Hundehäuser gesehen hat. Ich frage Gyöngyi und nach einigem Suchen finden wir diesen Hund dann endlich zusammengekauert in einem Winkel der Hundehäuser. Er hatte sich zum Sterben verkrochen. Ein Blick zu Gyöngyi, die kurz überlegt und mir stumm zunickt. Ein Blick zu Andreas, da wir in den Transportboxen keinen Platz mehr haben. Auch er nickt. Janosch kommt mit – auf seinem Schoß. Nach 13 Stunden Fahrt mit mehreren Pausen, in denen wir die Hunde versorgen, kommen wir abends um 22.00 Uhr im Tierheim Olpe an. Wir hatten nicht gedacht, das Janosch die Reise überlebt.

Schnell werden die Hunde von Sandra und Peter (ehrenamtlichen Mitarbeitern des Tierheimes Olpe) in ihre mit warmen Decken und Futter ausgestatteten Zwinger gebracht. Ich stelle die Hunde Sandra kurz vor und übergebe die Impfpässe. Müde und erschöpft fahre ich nach Hause. Ich freue mich auf das Wiedersehen mit meiner Frau und unseren 5 Hunden. Beim Einschlafen laufen die Bilder der letzten 3 Tag vor meinen Augen ab. Wir haben nicht alle retten können aber einige. Und in zwei Wochen geht es wieder los.

Ach so und was ich noch erwähnen wollte, Janosch durfte bei Andreas und Elke Stellbrink zuhause bleiben, wurde dort gesund gepflegt und hat dort jetzt ein wunderbares Zuhause gefunden.

Interessengemeinschaft Grenzenlos

Wolfgang Stephanow

Telefon: 02267-9704

Stephanow@t-online.de

An alle Leser richten wir unsere Bitte: Wir brauchen dringend Menschen, die eine weitere Arbeit ermöglichen

-        erfahrene Fahrer und Beifahrer für Futter- und

         Tiertransporte

-    Unterstützung durch Ausrüstung und Medikamente

-    Patenschaften durch regelmäßige Geldspenden

-    Gnadenplätze für alte und kranke Tiere

-    Sponsoren für Kastrationen und Impfungen

Hilfe für die Tiere aus Ungarn, damit im  Winter keine Tiere erfrieren und verhungern.

Spendenkonto: Sonderkonto des Tierschutzvereins Olpe

Kontonummer: 05 319 730 01

Bei der Dresdner Bank Gummersbach BLZ 370 800 40

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Wolfgang Stephanow beim ausladen der Hilfsgüter

 

 

Kettenhund bei minus 10 Grad zum Tode verurteilt

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Tierheimgebäude Szekesfehervar

 

 

Eingang "Katzenhaus"

 

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Liebe und traurige Augen bitten um Hilfe

 

Portal der Tötungsanlage der Stadt Baya

 

Zum Tod verurteilt !!!

 

Im  Käfig eingesperrt

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völlig verwahrlost - wer soll das verstehen

 

 

Janosch - die Reise ins Glück

 

 

Helft uns  !!!

Bitte !!!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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